Presseinformationen

Presseinformation Nr. 096 vom 14. Juli 2016

Ja? Nein? Vielleicht? Forschungsprojekt zu Einstellungen zur Organspende mit ersten Ergebnissen

Tagung mit Vorstellung der Forschungsergebnisse von Montag,18. Juli 2016, bis Dienstag, 19. Juli 2016, in Erlangen.


(umg) Was motiviert die Entscheidung gegen eine Organspende und welche Rolle spielt die öffentliche Diskussion dabei? Seit zwei Jahren erforschen das Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und das Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) in Kooperation diese beiden Fragen. Das Projektteam interviewte dafür 60 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet, die einer Organspende skeptisch gegenüberstehen. Zusätzlich wurden über 80 Plakatmotive deutscher Organspende-Kampagnen der letzten 20 Jahre analysiert und deren moralische Botschaften in den Blick genommen.

Erste Ergebnisse der Studie liegen nun vor und werden auf der Tagung „Ja? Nein? Vielleicht? Diskurs und Kritik der Organspende“ am Montag, dem 18. Juli 2016 und Dienstag, dem 19. Juli 2016, in Erlangen vorgestellt. In diesem Rahmen findet auch eine öffentliche Podiumsdiskussion statt zum Thema „Organspende zwischen Aufklärung und Reklame – Ein Gespräch über Kampagnen, Medien und Kritik“ (Moderation: Prof. Dr. Silke Schicktanz, UMG). Das Projekt „Ich möchte lieber nicht. Das Unbehagen mit der Organspende und die Praxis der Kritik“ wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit insgesamt 400.000 Euro über zwei Jahre gefördert.

HINTERGRUNDINFORMATION

Einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge stehen die meisten Deutschen einer Organspende nach dem Tod positiv gegenüber. Dennoch haben nur wenige einen Organspendeausweis und dokumentieren so ihre konkrete Bereitschaft. Die Gründe für diese Diskrepanz sind bislang wenig erforscht. Jedoch wird in der öffentlichen Debatte der Mangel an Spenderorganen zumeist auf den fehlenden Spendewillen der Bevölkerung zurückgeführt: „Als Gründe für eine Verweigerung werden dabei vor allem mangelnde Informiertheit oder Misstrauen in das Transplantationssystem vermutet, ohne dass dieser Zusammenhang bisher geprüft worden wäre“, sagt Prof. Dr. Frank Adloff vom Institut für Soziologie der FAU.

Suggestive Kampagnen erschweren freie Entscheidung
Gemeinsam mit Prof. Dr. Frank Adloff und Dr. Larissa Pfaller haben Prof. Dr. Silke Schicktanz und Solveig Lena Hansen vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der UMG deutsche Organspende-Kampagnen analysiert. Dabei fanden die Forscher heraus: Obwohl sich jede Bürgerin und jeder Bürger frei entscheiden können soll, wird ihnen ein „Nein“ zur Organspende nicht leicht gemacht. „Organspende wird als sozial erwünschtes Verhalten dargestellt. Es wird suggeriert, eine Entscheidung zur Organspende sei leicht und einfach zu treffen. Bedenken werden hingegen gänzlich ausgeblendet. So fühlen sich die Menschen durch die Kampagnen nicht in erster Linie gut informiert und zu einer tieferen Auseinandersetzung aufgerufen, sondern subtil unter Druck gesetzt. Teilweise werden auch Fehlinformationen gegeben. So versprechen Slogans wie ‚Du bekommst alles von mir, ich auch von Dir?‘, dass es von der eigenen Haltung zur Organspende abhängt, ob man im Notfall selbst ein Organ bekommt“, sagt Prof. Dr. Silke Schicktanz.

Entscheidung gegen Organspende oft kulturell bedingt
Die Interviews mit Menschen, die einer Organspende eher skeptisch gegenüberstehen, zeigten, dass der Wunsch, keine Organe zu spenden, nicht einfach auf mangelnde Information oder Misstrauen zurückgeführt werden kann. Vielmehr ist die Skepsis gegenüber einer Organspende auch an tiefgreifende kulturelle Vorstellungen von Tod und Körperlichkeit gebunden. So bezweifelten nicht wenige Befragte, dass der Hirntod mit dem endgültigen Tod des Menschen gleichgesetzt werden kann. Der Hirntod gilt als Voraussetzung für Organspenden. Für viele der Befragten stellt die Entnahme von Organen auch nach diagnostiziertem Hirntod einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit dar. „Das Unbehagen, das mit einer solchen Vorstellung verbunden ist, kann nicht einfach übergangen oder als irrational abgetan werden“, sagt Prof. Silke Schicktanz. „In Kampagnen und der öffentlichen Diskussion werden solche Haltungen jedoch nicht angesprochen. Dabei sind der Schutz des eigenen Lebens und der Wunsch nach einem respektvollen Umgang mit dem eigenen Körper nach dem Tod gute Gründe für eine Entscheidung – auch gegen eine Organspende.“

Weitere Informationen zur Tagung und öffentlichen Podiumsdiskussion in Erlangen unter: http://www.soziologie.phil.uni-erlangen.de/

WEITERE INFORMATIONEN:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Institut für Ethik und Geschichte der Medizin
Solveig Lena Hansen, M.A.
Humboldtallee 36, 37073 Göttingen
Telefon 0551 / 39-9316, solveig-lena.hansen@medizin.uni-goettingen.de
www.egmed.uni-goettingen.de/



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